Der Originalklang

In der historischen Aufführungspraxis wird vor allem auf den instrumentalen Aspekt geachtet, während der vokale Aspekt in der Rekonstruktion des historischen Klangbildes weniger Beachtung findet, möglicherweise auch aufgrund mangelnder geeigneter Stimmen, wie sie beim Tölzer Knabenchor ausgebildet werden. In der Kirchenmusik wurden bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Stimmlagen Cantus und Altus mit Knaben besetzt, vor der französischen Revolution waren Frauenstimmen in der Kirchenmusik quasi nicht existent.

Der Tölzer Knabenchor ist heute eines der wenigen Vokalensembles der Welt, das die Sakralmusik des Barock und der Klassik in einer der damaligen Zeit entsprechenden Klanggestalt pflegt. Darüber hinaus machen perfekt ausgebildete Knabensolisten eine stilgerechte Aufführung von Barockkantaten möglich. Dank einiger historischer Dokumente, wie etwa der Eingaben Johann Sebastian Bachs an den Leipziger Stadtrat, lassen sich für seine Motetten, Kantaten und Oratorien die genauen Besetzungsverhältnisse nachvollziehen. Der Tölzer Knabenchor hält sich in seinen Bach-Wiedergaben an die überlieferten Besetzungen. Auch in der Umsetzung der Vokalmusik der Renaissance achtet Prof. Gerhard Schmidt-Gaden genau auf die historischen Aufführungsbedingungen.

Der Einfluss der italienischen Polyphonie und insbesondere Andrea Gabrielis auf die deutsche Sakralmusik des 17. und 18. Jahrhunderts spiegelt sich wider im Repertoire des Tölzer Knabenchores mit Messen von Palestrina, Madrigalen von Monteverdi, der gesamten geistlichen Vokalmusik von Heinrich Schütz sowie bedeutenden Werken von Heinrich Ignaz Franz Biber. Die in Deutschland komponierte Renaissancemusik ist trotz der mitunter höchst schwierigen Aufführungsbedingungen bis heute ein besonderes Anliegen des Chorgründers Gerhard Schmidt-Gaden. Neben den Werken von Heinrich Schütz pflegt er die Motetten Orlando di Lassos, Leo Hasslers und Hans Hermann Scheidts in Originalbesetzung mit durchschnittlich drei Sängern pro Stimme.

Aber auch die Kirchenmusik der Klassik erweist sich zu großen Teilen als echte Neuentdeckung, wenn sie in originaler Besetzung aufgeführt wird. Der Tölzer Knabenchor hat dies in Aufnahmen der Messen Joseph Haydns und dessen „Schöpfung“, der Messen Wolfgang Amadeus Mozarts sowie dessen Requiems dokumentiert. Erst wenn diese Werke im Sopran und Alt mit Knabenstimmen gesungen werden, entfalten sie ihre spezifische Klanglogik. Die musikalische Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit des Chores kommt aber auch in selten gehörten Meisterwerken wie Pergolesis „Stabat mater" zum Ausdruck.

Geschichte des Tölzer Knabenchores >

Tölzer Knabenchor


"Seit ich das erste Mal - in den fünfziger Jahren - den Tölzer Knabenchor hörte, bin ich begeistert von seinem Klang, seinem spontanen, intelligenten Musizieren und von der wegweisenden Arbeit seines Leiters. Wir haben große gemeinsame Erlebnisse gehabt, die sicher meinen Begriff von Chorarbeit geprägt haben. Die Zusammenarbeit war immer sehr glücklich."

Nikolaus Harnoncourt

Tölzer Knabenchor


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